bilder: jutta hof / texte: rolf silber

"..... musste ja keiner erklären, dass er zu lange geschlafen hatte. Viel zu lange. Er spürte es nun. Seit zwei Wochen. Sein Hunger war ein brüllendes Tier geworden. Aber konnte ja nicht aus dem Keller. Was immer auch geschehen war, es musste in den letzten zweihundert Jahren, die er geruht hatte, eine dramatische Veränderung des Firmaments gegeben haben.

 

Eine zweite Sonne war vielleicht aufgegangen. Denn es brannte nun auch in den Stunden, von denen er aus alter Gewohnheit wusste, es müsse Nacht sein, immer noch ein Licht draussen und es war nicht der Mond und keine Laterne. Viel wärmer, viel heller. Eine zweite Sonne vielleicht. Und damit tödlich für ihn.

 

Erst als er die Stimmen hörte, das junge Fleisch roch, das frische Blut, dass nun die Treppen herab

kam, als er sah, dass sie in ihren Händen Lampen hatten, die heller leuchteten als der Tag, erst da

wurde im klar, dass er ein Narr gewesen war. Sein

Abendessen hatte etwas erfunden. Etwas, das

seinen Mitternachtshäppchen erlaubte, mit kleinen

Kunstsonnen herum zu funzeln und ihm, ausgerechnet ihm, damit Angst einzujagen.

 

Künstliches Licht! Harmlos für ihn. Seine Wut

wurde so gross wie sein rasender Appetit.

Und nun kamen die Stimmen näher. Junge Stimmen.

Kinder fast noch. Saftige Kerle, die in Gewölben

schnüffeln. Es würde ein Fest werden. Nicht für

sie, schon klar, aber der Graf war entzückt…“

 

aus FRÜHSTÜCK FÜR FLATTERMÄNNER,

Rainer Glück, Lübke Verlag, Waldürn