DIE ARCHIVE

DES ATTILA

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© rolf silber/bild-kunst

KONDENSTRIEBTÄTER

 

Nein, es handelt sich dabei nicht um Männer, die sich an Kaffesahnedosen vergreifen oder die im Internet Schweinkram downloaden, der mit Dickmilch zu tun hat. Im Verzeichnis der verlorenen oder noch nicht gefundenen Worte steht der Begriff für Menschen, welche eine erhöhte Begabung besitzen, aus sie umgebendem Gewaber, aus Lüften und Nebeln etwas entstehen zu lassen, das konkrete Greif- wie Begreifbarkeit vortäuscht. Wozu der Kondenstriebtäter unbedingt auf vorbestehendes Faktenmaterial, Realitätsplitter, relativ Offensichtliches oder allgemein Akzeptiertes zugreift. Um es dann triebhaft zu einem Neuen, Ganzen einzudampfen.

 

Nehmen wir mal als Beispiel das Phänomen der Chemtrailisten, also jener Menschen, die ganz ernsthaft glauben, die Streifen welche Flugzeuge in großen Höhen am Himmel hinterlassen und damit das unschuldige Azur zerkratzen, wären unübersehbare Zeichen einer unglaublichen, raffinierten und natürlich extrem klandestinen Weltverschwörungen. Hossa! Einer Weltverschwörung die übrigens nichts weniger beabsichtigt, als mit irgendwelchen chemischen Diabolismen den Metabolismus der Opfer - wir, wir alle - zu beeinflussen, zu vergiften, verjuden, verblöden oder wenigstens das Weltklima für ihre finsteren Zwecke zu verändern.

 

Es haut den zugeneigteste Hunnen vom Pony der Zeitgeschichte, weil natürlich „klandestin“ und mit kilometerlangen, unübersehbaren Dampfschweifen den Himmel verunzieren, irgendwie nicht so ganz zusammen gehen will. Berücksichtigt man die ansonsten von Chemtrailisten mühelos unterstellte technische Raffinesse der Illuminaten, Zionisten, CIA, Bilderberger oder der dritten niederbayrischen Weltunterwanderungsbruderschaft, unschuldige Verkehrsflugzeuge so zu präparieren, dass sie über Ablassventile zur Verschleuderung ihres Giftes verfügen (ohne dass das die Bodenmannschaften, die Passagiere oder die Pilotenvereinigung mitkriegt), erhöht sich die Faszination sofort ins Unermessliche.

 

Der naheliegende Einwand wäre der, dass Geheimbündler, die zu solchem fähig wären, doch sicher ihren Dreck ganz locker verteilen könnten ohne dabei deutliche Zeichen am Firmament zu hinterlassen. Nur so mal dahingedacht. Aber sowas verfängt in keiner Weise. Natürlich halten Chemtrailisten dafür eine stattliche Anzahl hochraffinierter Erklärungsmuster bereit. Sie veröffentlichen beispielsweise Filme, die aus im Internet zusammengeschnetzeltem Videomaterial bestehen und in denen, zu Bedrohungsmusik und Singsangkommentarstimme a la ZDF-Professor Knopp, schon mal Billigst-Computergrafiken auf frühem Flugsimulator-Niveau als unwiderlegbare Beweise präsentiert werden.

 

Das wäre als berückend merkwürdig bis ziemlich gaga abzutun, wäre es nicht Hinweis auf etwas sehr viel Grundsätzlicheres. Kondenstriebtäter gab und gibt es schon immer und überall. Nur heute viel öfter. Oder erkennbarer. Dem Internet sei dank. Bisweilen wissende, ja kluge Leute. Intellektuelle. Belesene Menschen. Kein Bildzeitungslesender Dummbatz. Der Kondenstriebtäter steht auch nicht mit einem Pappschild in der Fußgängerzone und warnt vor Radiowellen, die uns das Gehirn zerbraten oder uns kontrollierend steuern.

 

Er ist nur in der Lage, einen deduktiven Dreisprung von einer realistischen Annahme zu einer alternativen zu machen, wie: IS ist unter den Bedingungen einer amerikanischen Intervention entstanden = IS ist durch die Amerikaner entstanden = IS ist von den Amerikanern erfunden = IS wird von der CIA kontrolliert. No problemo. PEGIDA ist ein Produkt des CIA. Und/odre die Montagswahmachen. RT (ausgerechnet) wird vom CIA gesteuert. Und Putin ist nur eine Figur der US-amerikanischen Waffenindustrie, die um ihren Absatz fürchtet. Grenzenlose Horizonte, leicht ver-Chemtrailt. Wobei eigentlich alles vom CIA gesteuert wird, wenn's nicht der Mossad macht.

 

Dabei ist der Kondenstriebtäter eigentlich viel zu quasi-realistisch veranlagt und im normalen Leben auch kein Mensch, der in der Schlange der Kasse von Conrad-Elektronik durch das Brüllen von Weltverschwörungsformeln unangenehm auffällt. Oft ein zugewandter Freund, Kollege, Partner - bis es um seine geheime Passion geht. Und sein gesammeltes Wissen über das Geheime, uns Bedrohende, aus ihm bricht. Und er in uns zugeneigte Ratlosigkeit erzeugt. Oder einen leicht glasigen Blick, den er wiederum für ein deutliches Zeichen unserer naiv-vertrauensseligen Schafsnasigkeit hält. Der er mit weiterem Insisitieren begegnet. Was beim Zuhörer Fluchtreflexe oder Durst auf Alkohol auslöst.

 

Hätte der Kondenstriebtäter ein heraldisches Motto, so fände sich möglicherweise - vielleicht unter gekreuzten Chemtrails - der stolze Spruch „non sequitur - und das ist auch gut so“.  Eben. Das Eine folgert bei ihm, partiell, eben genau nicht aus dem Anderen. Ansonsten ein völlig rationaler Mensch erlaubt er sich nur alternative Folgerichtigkeiten auf bestimmten Gebieten der Politik und Weltanschauung. Oder, umgangssprachlicher gesagt: Bei ihm ist es partiell nie so als wie man denkt, dass es sei. Und nur er und seine anderen Kondenstrieblinge haben es bemerkt. Als Freund, Partner, Verkehrsteilnehmer und Steuerzähler ansonsten unauffällig bis liebenswert. Bis sich die Bodenklappe zu seinem Geheimwissen öffnet. Und er uns in den Keller stößt. Einen tiefen Keller.

 

Die Dinge haben nicht einfach so einen Grund. Selbst ein tieferer Grund gründet ihm nicht tief genug, es geht immer um mindestens einen veritablen Abgrund, gegen den der Marianengraben eine wasserführende Feldfurche ist. Ein Abyss, der vom Normalsterblichen übersehen, vom Kondenstriebtäter aber sehenden Auges überspannt werden kann, weil er ja nur in Vermutungszusammenhängen seine Schlüsse zieht. Und der Kondenstriebtäter tut das ja nicht, weil er solide einen an der Waffel hätte - eher genau im Gegenteil. Der Kondenstriebtäter ist tendenziell Ingenieurhaft veranlagt, neigt zu penibler Suche nach Verweis wie Querverweis.

 

Er ist dabei ein klassisch Realitätsüberforderter, der nur eben genau das nicht realisiert. Und damit hat er mit uns allen etwas gemeinsam. Wer blickt in einer multi-polaren, poli-kausalen Welt heute noch wirklich durch? Eben. Keiner.  Nur ist dem Kondenstriebtäter genau diese fraktalisierte Wirklichkeit ein derartiger Graus, dass ihn ein überbordendes Ordnungs- und Einordnungsbedürfnis befällt. Und schon fällt er auf die Schnauze. Gerade eben weil er kein Dussel ist. Er hält nur die Uneindeutigkeit schlechter aus.

 

Treibende Ängste, bedrohliche Ahnungen, zerstückelte Informationen, frisch ihm offenbartes Geheimwissen kondensiert sich, in einem zu Grossleistungen befähigten Gehirn, zu einem Konstrukt, das der Realitätsbewältigung dienen soll - gerade wenn es im Ergebnis das genaue Gegenteil von dem tut, was es soll. Kondenstriebtäter überkompensieren wie verrückt, weil sie sonst einfach Angst vor dem morgendlichen Aufstehen bekämen.

 

Um die von ihm gesammelten Realitätspartikel bilden sich, gerade durch die eventuell erhöhte Denkleistung, wabernde Vermutungswolken die - ab einer spezifischen Dichte den Aggregatzustand wechselnd - zu Unterstellungstropfen gerinnen. Und die so am Firmament seiner Wahrnehmung lange Streifen bilden, denen Folgerichtigkeit und Sinn zugeeignet wird. Notfalls eben auch ein falscher. Und die den Kondenstriebtäter - ergriffen, erschreckt, aufgewühlt - dazu bringt weiter zu forschen. Ihn immer weiter wegführt von eher allgemeinen Realitätswahrnehmungen, die zwar alle mit dem Makel des Zweifels behaftet sein mögen. Die sich aber damit begnügen, nur Annäherung zu sein, die mit Skepsis gewürzt sind. Unperfekt, ja, aber halbwegs praktikabel.

 

Nicht so für den Kondenstriebtäter, der, von der Überzeugung befeuert, es gäbe noch viel wahrhaftigere Wahrheiten als das mürbe Zeug, das ihm von z.B. den „Systemmedien“ angeboten wird. Oder von - natürlich gekauften - Wissenschaftlern, Historikern oder anderen Skribenten. Lieber sucht er sich, im Internet leicht zu finden, informationelle Nebenwelten, die ihn permanent mit weiterem Material befüttern das seiner Neigung entspricht und sie befeuert. Bis diese Materialien ihn vollständig umgeben. Ein Lotusesser, der glaubt, er würde sich am Baum der Erkenntnis laben. Und oft genug ein lieber Mensch, den wir kennen und schätzen. Und den wir davon driften sehen. Und der uns ratlos zurücklässt.

 

Auf der manchmal öden Steppe der bestehenden Realitäten sein Pony der Zeitgeschichte reitend, wirft der Hunne einen zugeneigten und bisweilen neidischen Blick hinauf, wo die Kondenstriebtäter ihre kühneren Bahnen ziehen. Angetrieben von der Hexenflugsalbe ihres Generalverdachtes. Und er wünscht ihnen, sie mögen nicht eines Tages abstürzen.

 

Obwohl die Hoffnung derzeit nicht größer wird.